Tutorial zum Tropfenbild


Die langgeplante Fotoreise fällt aus? Langweiliges Licht draußen? Es regnet in Strömen und die Kamera ist nicht wasserdicht? Zeit für Wohnzimmer-Makrofotografie und Tropfenbilder!

Tropfenfotografie im Wohnzimmer

Gerade zum obigen Bild werde ich häufig gefragt, auf welche Weise es entstanden ist. Weil die Fotografie auf den ersten oberflächlichen Blick sehr nach einer Montage aussieht, möchte ich in diesem kleinen Tutorial die Entstehung des Fotos nachzeichnen.

Viel Spaß beim Lesen und eventuellem Nachvollzug der Aktion an der heimischen Fensterscheibe! (Außerdem ist es ja für faule Fotografen äußerst attraktiv, wenn die Motive zu ihnen nach Hause kommen.)


Eines Tages fielen mir bei einem Besuch bei Freunden auf, daß an einer Fensterscheibe haftende Schneeflocken langsam schmolzen und dabei größere und regelmäßigere Tropfen bildeten als gewöhnliche Regentropfen. Auch die sich bei Regenschauern auf Fensterscheiben bildenden kleinen Rinnsale fehlten völlig, was den „geordnet“ erscheinenden Gesamteindruck noch verstärkte. Leider hatte ich an diesem Tag keine Kamera dabei, auch waren die in den „Wasser-Linsen“ zu sehenden Abbildungen der dahinter liegenden Umgebung wenig interessant. Einige Tage später schmolzen dann zuhause auf einer Fensterscheibe nach leichtem Schneefall die Flocken auf die zuvor gesehene Weise.

Vorbereitung:

Natürlich fragt sich ein ungeduldiger Fotograf, ob er erst auf den Schnee warten muss, oder ob es nicht doch Möglichkeiten gibt, der Natur hier etwas hilfreich unter die Arme zu greifen. Der naheligende Selbstversuch, mittels einer Sprühflasche einen ähnlichen Effekt zu erreichen, war erfolgreich, allerdings nur bei Temperaturen um den Nullpunkt herum. Bei wärmeren Außentemperaturen waren die Tropfen kleiner und unregelmäßiger. Der Grund liegt wohl in einer physikalischen Eigenschaften des Wassers: Der für die Tropfenbildung von Flüssigkeiten verantwortliche Effekt der Oberflächenspannung ist bei Wasser vergleichsweise hoch. (Nur die Oberflächenspannung von Quecksilber ist noch deutlich größer. Quecksilbertropfenfotografie verbietet sich aber leider für Fotografen, die auf gesunde Art altern möchten.) Dazu kommt, daß die Oberflächenspannung temperaturabhängig ist- je niedriger die Temperatur um so höher wird die Oberflächenspannung. Das kann auch die besonders großen, stabilen und gleichmäßigen Wassertropfen auf einer Fensterscheibe bei Temperaturen um den Gefrierpunkt erklären. Eine Vermischung des Sprühwassers mit Glyzerin (häufig bei der Aktfotografie für schöne Tropfenbildung angewendet) brachte keine signifikante Verbesserung des Tropfeneffekts. Nur waren diese Tropfen deutlich dauerhafter als reine Wassertropfen- also empfehlenswert für langsam arbeitende Wohnzimmerfenster-Makrofotografen, die erst 2 Tage nach dem Besprühen einer Scheibe zum Fotografieren kommen. Jedenfalls sollte man in diesem Zusammehang alle Flüssigkeiten, die die Oberflächenspannung vermindern (Reinigungsmittel!) fern halten.

 Ausführung:

Wenn erst mal passende Wassertropfen auf der Scheibe anzutreffen sind, ist der Vorgang des Fotografierens – wenn man mit den Tücken der Makrofotografie vertraut ist – recht einfach und kann entspannt durchgeführt werden.

Ich habe die Kamera auf dem Stativ möglichst gerade zur Glasoberfläche ausgerichtet. Man sollte hier sorgfältig arbeiten, da so nahe an der Naheinstellgrenze  Abweichungen schnell unbrauchbare Ergebnisse bringen. Dabei bietet sich die Arbeit mit manuellem Fokus und genaue direkte Kontrolle über den Live- Monitor in vergrößerter Darstellung an, um unzählige „Fehlschüsse“ zu vermeiden. Dabei ist ein Blendenwert zu finden, der eine scharfe Darstellung aller Bereich der Tropfen ermöglicht. Vermeiden sollte man einen kleineren Blendenwert als nötig, da die Abbildungsleistung des Objektivs durch optische Beugungseffekte sonst nicht mehr optimal ist. Hier war der brauchbare Blendenwert dann eben f/13. Die sich ergebende Belichtungszeit von 1/10 s liegt genau in dem Bereich, in dem bei der Belichtung der schwingende Spiegel einer DSLR Verwacklungen hervorrufen kann. Deshalb sollte bei solchen Belichtungszeiten unbedingt mit Spiegelvorauslösung gearbeitet werden. Als Objektiv ist natütlich am besten ein „echtes“ Makroobjektiv mit einem erreichbaren Abbildungsmaßstab von 1:1 geeignet.

Ich habe einige Fotos in RAW – Format mit unterschiedlichen Auschnitten der Fensterscheibe und bei unterschiedlichen natürlichenLichtverhältnissen gemacht, erst bei gedämpftem Licht bei bedecktem Himmel und später bei durchbrechender Sonne im Gegenlicht. Die Sonnenreflexe an den Tropfenrändern fand ich in diesem Fall aber störend, so daß ich für die spätere Bearbeitung eine Version bei weichem „Wolkenlicht“ auswählte. Eine Version mit einem Ausschnitt, in dem ein ausgewogenes Verhältnis von unterschiedlich großen Tropfengrößen in schöner Verteilung anzutreffen war, ergab für mich die beste Bildwirkung.

Bearbeitung

Für mich liegt der Reiz in diesem Motiv auch gerade daran, daß es auf dem ersten Blick eher künstlich und wie eine Montage wirkt. Dabei hält sich aber die Nachbearbeitung in Grenzen. Ich hatte hierfür Photoshop CS 3 verwendet. Jedes einfachere Bildbearbeitungsprogramm, welches die Arbeit mit Gradationskurven ermöglicht, sollte völlig ausreichend sein.

Enwicklung in Camera RAW mit minimalen Anpassungen von Farbtemperatur, Klarheit und Farbdynamik. Drehung des Bildes um 180 Grad
Entfernung von zwischen den Tropfen befindlichen störenden Schmutzpartikeln auf der Scheibe mit dem Reparatur-Pinsel
Deutliche Absenkung der im mittleren Tonwertbereich liegenden Flächen zwischen den Tropfen mit der Gradationskurve. So treten die Tropfen deutlicher hervor.
Absenkung der Tonwerte der ohnehin schon sehr dunklen Tropfenränder um die „Tropfenrahmen“ zu betonen.Verstärkung der Sättigung einiger Farbtöne, da die Ursprungsfarben vor allem durch die gedämpften Lichtverhältnisse sehr flau waren. Dadurch ergibt sich auch passenderweise ein stärkerer Eindruck eines „Pop-Art“- Bildes.

Das ist alles!


Ich denke, daß dieses Tropfenbild auch ein Beispiel dafür sein kann, daß die Verletzung von fotografischen Regeln manchmal reizvolle Ergebnisse liefert. Gerade,eben reizvoll, weil hier eben das Auge bei der Betrachtung des Bildes wegen eines fehlenden Hauptobjekts (oder anders gesehen: eben gerade wegen der inflationären Vervielfachung des Hauptobjekts) keinen Halt finden kann.

Ironischerweise habe ich trotz der Wiedergabe nur eines Hauses meiner Nachbarschaft doch ganz gut meine Umgebung dargestellt. Ich wohne in einer unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Industriearbeitersiedlung, die vor etwa 100 Jahren planvoll angelegt wurde und in der nur wenige unterschiedliche Haustypen vorkommen. Der im Bild zu sehende Haustyp sieht eben auch gerade wie alle anderen tatsächlich umliegenden Nachbarhäuser aus.

„Neighbours“ bei 1x.com


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